Alle Beiträge aus dem Jahr 2015

Die Sucht nach dem Richtigen

Da suche ich landauf, landab die Datingprofile ab. Ich frage mich: ‚Warum muss es eigentlich der Richtige sein?‘

Das setzt voraus, dass es den Richtigen überhaupt gibt. Als ließe sich das kalkulieren.

Eine Formel für den perfekten Typ: {Körpergröße * Körperfett / Jahreseinkommen + die Anzahl der gemeinsamen Interessen – die Zahl der Erfreuende}.

Dieser Faktor wird dann zusammen mit dem okcupid Score auf einen Zettel geschrieben und anschließend wegschmissen. ‚Warum baue ich mir diese Illusionen auf?‘

Liebe ist bestimmt nicht so einfach. Liebe ist auf alle Fälle Arbeit. Es scheint mir, als wäre das sogar der leichtere Teil. Lieben ist einfach, wenn man erst einmal etwas zu lieben hat.

Und wenn schon nicht sich selbst, dann etwas, nein, jemand anderen. (Er soll mich auf alle Fälle mehr lieben als ich mich selbst. Gerne auch etwas mehr!)

Tapsen und Stupsen: das Warten auf das Tun des Anderen. Fein herausgeputzt, bereit zur Heirat sitze ich nun da, Tag ein, Tag aus und warte vor dem Computer auf einen Stupser meines Zukünftigen.

Oder eine Tapse, ein Like, je nach Profil und Plattform. In meiner Datingzentrale habe ich für jedes Datingportal einen eigenen Monitor. Mir entgeht nichts! Auch die mobilen Plattformen sind auf die Wand projiziert. Grindr, Tindr, alle Vöglein sind schon da.

Ich fühle mich gewappnet. Ich bin so bereit wie noch nie. Jetzt muss er nur kommen.

Ja, die Trefferquote war bisher gering, im letzten Jahr ist es vielleicht einmal alle zwei Monate angesprungen. Aber dafür habe ich dann auch eine 70- 80 % Übereinstimmungsquote erreicht.

Für eine Beziehung hat es noch nicht gereicht. Aber fast wäre auch mal der Funke übergesprungen.

Vielleicht ist die Suche nach dem Richtigen auch einfach interessanter. Ich meine, könnte ich damit einfach aufhören? Zu Suchen? Leute kennen zu lernen?

Ich lerne dabei so viel, auch über mich. Kann eine einzige Person all diese Erfahrungen ersetzen? Vermutlich muss sie das gar nicht. Sie darf bloß nicht zu eifersüchtig sein.

Das werde ich gleich zu meiner Formel hinzufügen. Und die Suche beginnt mit neuen Parametern aufs Neue.

 

 

Was sagst du dazu? Geht es dir auch manchmal so? Schreib mir doch einen Kommentar oder eine Email

Schwuler Winterschlaf

Ich habe mich verkrochen.
Es gilt, eine Durststrecke zu überwinden.
Auf halber Strecke gingen mir die Vorräte aus, ich wurde schwach und fiel.
Fiel in einen Schlaf.
Ein komatöser Dämmerzustand.

Wann ich aufwachen werde? Schwer zu sagen.
Zum Aufstehen fehlt mir die Kraft, mein Kopf ist leer.
Die Illusionen sind verschwunden.

Dann drückte sich die Realität durch einen winzigen Spalt hinein.
Ein eisiger Windhauch, so kalt, dass er auf der Haut brennt.
„Du bist nicht da, um mich zu wärmen“, möchte ich rufen.

Doch es gibt kein Du mehr. Es gab nie ein Du für mich.
Es gibt ein unbestimmtes, verzweifeltes „Ihr“.
Irgendjemand von Euch.
Aber natürlich meine ich nicht irgendwen.

Und so warte ich, lese Buch um Buch, versuche meine bittere Realität mit Illusionen wohnhafter zu gestalten. Und siehe da, es funktioniert.
„Der Winter naht“, ruft es mir entgegen.
Ich schmunzele, weil der Winter schon längst da ist.

Wie in diesem Buch kommt nach einigen Jahren auch wieder ein Sommer.
Auch die Figuren warten auf den einen, den endlosen Sommer.
Und bis es soweit ist, halte ich einfach schwulen Winterschlaf.

22.4.2012