DER Artikel. Über meine Homosexualität, Schubladen und TV-Musicals.

Dieser Artikel ist episch. Episch, wegen seiner enormen Länge. Episch, weil es endlich an der Zeit war, dass ich diesen Text schreibe. Episch, weil er endlich mal Klartext über das heutige Schwulsein redet.

Ernsthaft, ich habe Glee kennen und lieben gelernt. Glee, das ist die Serie im US-TV, die neben Gesangseinlagen auch eine hohe Minderheitenquote aufweist.

So finden wir, neben dem Jungen im Rollstuhl, der übergewichtigen und stimmgewaltigen Schwarzen Afroamerikanerin und der schwangeren Cheerleaderin, auch den modebewussten, sensiblen Schwulen, der auf den singenden Quarterback steht, ohne wirklich auch nur den Hauch einer Chance bei ihm zu haben.

Ernsthaft. Damit soll ich mich identifizieren?


Es passierte mir während meiner Schulzeit ab und zu, dass einige meiner Verhaltensweisen von meinen Mitschülern als „schwul“ abgestempelt wurden. Gelegentliches, hysterisches Lachen zum Beispiel (wenn mir das passiert, sitze ich sonst meist unbeobachtet vor dem Computer).

Hey, ich wohne hier auf dem Land, alles, was sich nicht verhält wie ein Bauer wird grundsätzlich misstrauisch beäugt und könnte potenziell als unmännlich gelten.

Ab und zu lasse ich deshalb auch mal einen „typisch schwulen“, (eigentlich: bissigen) Kommentar vom Stapel, damit die Leute ihre Vorurteile bestätigt sehen und ich sie mit meiner Homosexualität nicht noch mehr fordere als  meine pure, homosexuelle Anwesenheit zu ertragen.

Die Leute lieben Schubladen. Manchmal ist es leichter, aus einer heraus zu schauen, als davor zu stehen und sagen: das ist eine Kommode.

Ich bin keine Schublade, ich bin eine ganze Kommode!

Auch das verwirrt die Leute. Warum rede ich hier von einer Kommode? Na wegen der Schubladen! Ich denke auch gerne in Schubladen, aber ich weigere mich partout selbst in eine zu stecken. Weder will, noch kann ich mich auf eine „Rolle“ festlegen. Der Schwule. Der nerdbrillentragende Medienmensch.

Wie sich das äußert? Ich habe je eine Domain / Blog für je ein Interessengebiet und nochmal so viele für geplante Projekte. Dazu zählt dieser „normale“ Blog, der Dipol-Blog, der ausschließlich mein schwules Gefühlsleben behandelt. Eine schwule Schublade für Papier mit schwulen Texten. Aha! Schublade. Aber eben nur die eine.

Ja, ich war lange unglücklichst verliebt – und dank dem Dipol-Blog weiß ich auch, dass ich nicht alleine dastehe mit diesen Gefühlen und Gedanken, von denen ich lange glaubte, ich wäre der einzige, dem es so geht. Ich bin es nicht.

Such dir (d)eine Rolle aus!

Ich kenne „die Szene“. Ich habe bei dieser Versammlung von schwulen Männern gelernt: die Typen aus „Das Traumschiff“ aus der Bullyparade, die gib es in echt auch. Die Verhalten sich wirklich wie Frauen, oder sind zumindest sehr weiblich. Ich habe auch gemerkt: Ich bin es nicht.

Ja, ich habe mit Schrecken festgestellt: die Szene kann einen verändern. Man passt sich einfach an sein Umfeld an, so auch bei dem kleinen süßen Highschooljungen, dessen Augenbrauen über die Monate zu winzig schmalen schwarzen Streifen verzupft wurden.

Ich werde einen Teufel tun, meine Augenbrauen zu zupfen. Ich habe dicke, buschige – und selbst dafür habe ich schon Komplimente bekommen!  Auch meine fetten Lippen finden gefallen. Ein Kumpel findet sie „zu groß“ – viele anderen nennen sie „sinnlich“. Das es sich hier um komplett unterschiedliche Umfelder handelt, dürfte klar sein.


Kurt beim Football: Das passiert, wenn zwei Welten aufeinanderprallen

Anpassen? Ich passe!

Täglich spürbar reiben jedoch Welten aneinander. Was in einer akzeptiert wird, wird in der anderen kritisch beäugt. Man passt sein Verhalten nämlich so an, dass man vom Umfeld möglichst viele positive Rückmeldungen bekommt – oder zumindest größtmöglich akzeptiert wird. Was abgelehnt wird, hält sich auf Dauer nicht.

Jetzt stehe ich zwar auf Jungs, aber wirklich offensichtlich ist das nicht. Ich outete mich damals mit der lächerlichen Hoffnung, dass andere daraufhin das gleiche tun würden. Sie taten es nicht. Was blieb, war das offensichtlich Unsichtbare. Das nicht Vorhandensein von ähnlichen Gleichgesinnten.

Warum sich aber outen, wenn es nur Nachteile hat? Warum mir selbst einen Stempel aufdrücken, der mein Bild in den Augen der Mitschüler in die schwule Ecke stellt? Das alles wäre halb so wild gewesen, wäre ich in dieser Ecke nicht so verdammt allein gewesen.

Das Bild des Schwulen

Ich meine, was geht euch durch den Kopf, wenn ihr dieses Video seht?


Dieses Bild erwarten wir insgeheim von Homosexuellen

Nun muss man natürlich sagen, dass der Charakter des „Kurt Hummel“ für das amerikanische Fernsehen ein kleiner Tabubruch ist – er ist modebewusst, sensibel und zugleich höchst arrogant. Er ist der einizige, offensichtlich homosexuelle Charakter in der Serie. Er steht auf den Quarterback, aber den wird er nicht bekommen.

Die Welt ist weder schwarz, noch weiß, noch pink!

Im echten Leben wäre es zumindest denkbar, dass „Puck“, der böse Junge, bi-neugierig ein paar Experimente mit seinen Teamkollegen unternommen hat. Aber nicht in der heilen, singenden Welt von Glee. Und wenn es nach „der Gesellschaft“ ginge, am besten auch gar nicht in der echten Welt. Eine bisexuelle Schublade, das hat gerade noch gefehlt. Sich mit so etwas überhaupt auseinander zu setzen ist anstregend und kompliziert. Am Ende müsste man sogar noch sein Weltbild korrigieren.

Oder wie Cheerleading-Coach Sue Silvester es zusammenfasst:

„If i can’t tell who’s gay, how will i know who to judge?“

Dieser Artikel erschien zeitgleich auf someabout.net und auf Triffy.de

  1. Jetzt ist die Überschrift ja doch vierteilig geworden 🙂 Aber Spaß beiseite.

    Guter Artikel! Und – Schubladen müssen sein, die Menschen brauchen das. Was nur völlig einseitig ist: Wir sind „die Schwulen“, aber „die“ sind nicht „die Heten“ – da wird differenziert, wenn auch in weiteren Schubladen. Ich finde es spannend, dass trotz der inzwischen doch stärkeren Präsenz von Schwulen und Lesben in „der Öffentlichkeit“, immer noch das pure Klischee lebt. Der tuntige Sebstdarsteller, der Frauenkleider anzieht und sich schminkt – das ist der Schwule. Dass wir auch die volle Bandbreite der Typen, Macken und Eigenschaften zu bieten haben, wird uns irgendwie abgesprochen. Naja, ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass auch das mal von Anfang an „normal“ wird. Noch findet meine Nichte und mein Neffe „die Onkels“ normal – ich bin gespannt, wenn sie in das „voll schwul“ Alter kommen, was dann passiert…

    Ein kleiner Filmtipp zu Schluss: Latter Days – nicht ohne Klischees, aber wunderschön 🙂

    • Die drei-Wort-Überschrift betraf den flattr-Artikel 😉

      Latterdays hab ich sogar auf DVD, vor sechs Jahren bestellt. Das war etwa zu dem Zeitpunkt, als für mich das „schwulsein“ normal wurde.

      Wer keine Schwulen im Alltag kennt, wird wohl oder übel auf Klischees zurückgreifen und es dabei auch belassen. Muss sich damit ja nicht auseinander setzen, wenn sie ihm nur über einen Bildschirm präsentiert werden.

      Wer dagegen welche persönlich kennt wird eines besseren belehrt – oder durch das lebende Vorbild bestätigt. 🙂

  2. Herrjeh, Überschriftenverwirrung…

    Ja, in der Tat, nur muss man sich auch auf einen Menschen einlassen wollen.
    Und auch die Schwebeteilchen sind meist sehr lieb 😉

  3. Ich meine, was geht euch durch den Kopf, wenn ihr dieses Video seht?

    Es ist Spiegelverkehrt und warum kann ich nicht so tanzen ? 🙂

    Naja wir schwule leben ja auch in unseren Schubladen denken oder ??? Ich meine diese Denken ist doch schuld daran das sich soviele nicht outen. Und es ist doch egal was andere von einem Halten, solange man sich selber treu ist oder nicht. Von mir aus kann die ganze Welt schwul, hetero oder bi sein, denn es geht ums glücklich sein hier und jetzt und wenn man das davon abhänig macht, was die anderen von einem denken oder in welche Schublade man dadurch hinein gesteckt werde, dann hat man schon verloren. Man lebt nur einmal und diese einemal sollte man richtig leben und sich nicht aus Angst vor irgendwas verstecken.

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